Das Bekenntnis. Warum ich heute tue was ich tue.

Die etwas andere Geschäfts-Biografie von Klaas Kramer

Wenn Helden auf Reisen gehen

Heute werden gerne Heldengeschichten erzählt von Menschen, die ausgebrochen sind aus einer finanziell sicheren, aber persönlich frustrierenden beruflichen Rolle. Da ist die Rede vom Ruf, die der Held bzw. die Heldin hört, um sich auf den Weg zur ureigensten Bestimmung zu machen. Der erfolgreiche Key-Account-Manager wird Biobauer, die eloquente Chefsekretärin wird Gesundheitscoach, die ausgebrannte IT-Projektmanagerin sattelt um auf Heilpraktikerin.

Sich unterscheiden

Mich rief es schon, bevor ich einen Mainstream-Weg eingeschlagen hatte. Als Mitgründer und Partner der Agentur formschlag – noch als Student – wollte ich ein anderes, organisches, weniger mechanistisches Marketing machen. Schon der Begriff „Marketing“ fühlte sich für mich falsch an. So konfrontierten wir um das Jahr 2000 herum unsere Kunden mit dem Begriff des Interaktionsdesigns. Damit war nichts Technisches gemeint. Wir wollten das gemeinsame Handeln von Menschen durch „gutes Design“ auch auf immaterieller Ebene gestalten. „Kommunikationsdesign“ machten all die anderen. Wir wollten als Agentur wahrgenommen werden, die strategisch-ganzheitlich an die Projekte herangeht. Die Zukunft in die Gegenwart holen, darum ging es mir.

Die Motive dafür haben sich schon 10 Jahre früher gezeigt.

Unbehagen am Kommerz

In den 1990ern hatte ich mehrere Projekte, die rückblickend betrachtet für mich diesen Aufbruch zu neuen Ufern symbolisierten: Ich war noch in der Ausbildung zum Elektromaschinenmonteur, da ließ ich mich von diversen Strukturvertrieben mit der Aussicht auf das große Geld verführen. Der schüchterne Klaas überwand seine Angst davor, fremde Leute in Verkaufsgespräche zu verwickeln. Als positiven Nebeneffekt verstärkte diese Tätigkeit einen inneren Wertekonflikt: Menschen respektieren und sein lassen wie sie sind vertrug sich nicht mit manipulativen Verkaufsformeln – schon gar nicht, wenn ich mich für die Produkte, die ich verkaufen wollte, nicht begeistern konnte. Ein tiefgreifender Unmut gegenüber „dem Kommerz“ ließ das Pendel in die andere Richtung schlagen: Musikproduktion. Meine Musik musste nicht kommerziell erfolgreich sein – sie sollte es auch nicht. Die Praktiken der für mich intransparenten Musikindustrie interessierten mich nicht. Als DJ verachtete ich die Veranstalter, denen man wegen des Honorars hinterherlaufen musste. Club- und Labelbetreiber blieben eine fremde Welt für mich. Die Produkte (Musik) blieben mir vertrauter als deren Verkäufer.

Auch dafür gibt es ein Schlüsselerlebnis.

Vorreiter sein

Eine Erfahrung im Jahre 1985 sollte sich nicht wiederholen: Bei einer Geburtstagsparty eines Freundes brachten alle die Tapes ihrer Lieblingsmusik mit. Weil ich die Westsender eine Weile nicht hörte, waren meine Songs um mindestens 3 Monate veraltet. Ich kannte schlichtweg die neuesten Hits noch nicht. Das sollte sich nie wiederholen. Von da an musste es für mich immer das Allerneueste sein.

1996: Drum‘n Bass und Big Beat lief als progressive Alternative zum in die Jahre gekommenen Techno in den Clubs. Ich war vom Ehrgeiz getrieben, die erste Band auf die Bühne zu schicken, die diese Musikrichtungen mit konventionellen Instrumenten aufführt. Ich war deren Inspirator und Finanzier. Nach 2 Monaten Proben stellte ich das Projekt ein. Die Band Elektronauten kamen mir zuvor. Das Projekt hatte damit seinen Sinn verloren. Ein halbes Jahr später wollte ich einen Internet-Versand für DJ-Vinyl aufziehen. On-Demand sollten die Tracks online zum Testen gepitcht und ineinander gemischt werden können. Ungeklärte Vertriebsrechte ließen mich von dem Vorhaben absehen. Als nächstes wollte ich einen Verein zur Förderung des Unternehmertums gründen. Ich sah mich in Talkshows sitzen und den vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog propagierten „Ruck“ zum Vollzug zu verhelfen. Ich fand, Unternehmertum sollte raus aus der miefigen FDP- und IHK-Gründungsberatungs-Ecke. Die damals beginnende Dot.Com-Gründungswelle passte gerade in diesen Zeitgeist. Als ich dann im Nachrückverfahren doch noch den Studienplatz „Wirtschaftskommunikation“ bekam, änderte sich mein Fokus. Doch auch da wollte ich nicht lange zum Mainstream gehören: Statt Werbeagentur-Awards fesselten mich die Themen Unternehmensidentität und Managementphilosophie.

Lernen lernen und lehren

Was ist es genau, das mich an echter und organisch gewachsener Unternehmensidentität fasziniert, an Typen wie Otl Aicher, Heinz von Foerster und Peter F. Drucker? Warum schlägt mein Puls höher, wenn ich von diesen Menschen lese – viel höher als bei Namen wie Philip Kotler, Tom Peters oder Tony Robbins? Warum spürte ich beim Selbstorganisieren meines Studiums eine Anbindung an meine kritischen Erfahrungen aus dem Lernsystem in meiner Schulzeit? Worin besteht diese Verbindung: Selbstbestimmtes Lernen. Lernen wollen und dabei von der Bildungseinrichtung und deren Mitarbeitern unterstützt zu werden. Wissen entsteht im Menschen und ist kein „Stoff der vermittelt wird“. Eine Wissensgesellschaft braucht selbstständige Denker und keine Abarbeiter von Checklisten – Listen, die jemand aufgrund seiner Erfahrung aus der Vergangenheit erstellt hat. Checklisten dürfen aber freilich als erste Orientierung dienen. Nur herrscht daran kein Mangel mehr. Wir finden heute mehr davon im Internet, als wir jemals befolgen könnten.

Schnell habe ich erkannt, dass in Marketing und Unternehmens- und Personalführung vielmehr eine organisch-intuitive Kompetenz gefragt ist, als das Kennen äußerlicher Handlungsleitsätze. Und es tut mir gut, in meiner täglichen Praxis die Bestätigung dafür zu bekommen.

Als Dozent an Hochschulen habe ich mich für ein selbstbestimmtes Lernen von Anfang an eingesetzt. Zu Beginn noch mit krassen Anfängerfehlern. Der Lehrmeister in mir schlich sich durch die Hintertür herein und konterkarierte meinen gut gemeinten Ansatz. Nach und nach reifte das Konzept und mittlerweile kann ich stolz sein auf die Ergebnisse.

Doch nur in der Ausbildung künftiger Manager zu wirken, ist mir zuwenig. Ich möchte in Unternehmen unmittelbar etwas bewirken.

Vom Marketing-Berater zum Markenführungs-Trainer

Als Kundenberater beim Designbüro formschlag konnte ich die Philosophie von akzeptiert selbstbestimmten Kunden und bewusst selbstorganisierten Unternehmenssystemen nur am Rande praktizieren. Unsere Kunden wollten Logos, Websites und Werbeprospekte. Ich war der Projektmanager, der Termine und Qualität überwachte. Als Marketing-Analyst bei mixxd konnte ich auf Schwachstellen hinweisen und an Strategien mitarbeiten. Dabei musste es im Konzept immer so aussehen, als wäre ein erfolgreiches Unternehmen als Produktpaket zu erwerben, ohne dass Unternehmer und Manager an ihrer Einstellung etwas ändern brauchten – für die Vermarktung sicher gut, für meinen Anspruch aber unbefriedigend.

Ein neues Geschäftsfeld musste her. Dazu meine Leitfrage: „Wo stößt in der Unternehmenspraxis mechanistisches Checklisten-Denken an schmerzhafte Grenzen und womit kenne ich mich aus?“ Die Antwort war 2008/9 schnell gefunden: Die Illusion von der Totalkontrolle über Marken wird durch Youtube, Blogs und Facebook messbar weggefegt: Kryptonite, United Airlines, Jako oder Henkel sind nur wenige der vielen prominenten Belege dafür. Und gab es etwas Besseres für mich, als Manager vom Anspruch der Totalkontrolle zu befreien und ihnen dafür einen frischen systemischen Ansatz in die Hand zu geben, mit dem sie sich dennoch souverän und ganz und gar nicht machtlos fühlen können? Souveräne Markenführung war geboren.

Vom Markenführungs-Trainer zum Possibility Manager

Doch ganz so rasch sollte das Geschäft nicht anlaufen. Zunächst waren es vorrangig Agenturen, die sich in diesem neuen Ansatz der Markenführung schulen ließen.

Viele verstehen erst im zweiten Anlauf den fundamentalen Unterschied im Ansatz, weil sie unter „Management“ bzw. „Führung“ nach wie vor nicht den Prozess verstehen, sondern die Festlegung von Zielgrößen – so z.B. die Attribute einer Marke. Management ist heute noch immer eine größtenteils unbewusst ablaufende Handlungskette. Damit bin ich schon im Bereich der Spiritualität oder harmloser ausgedrückt: beim Grad der Bewusstheit im täglichen Tun. Selbstmanagement ist schon länger für mich ein Thema. Zunächst wollte ich für mich selbst effektive Wege und Aktivitäten erschließen, um meine Ziele zu verfolgen. Schon kurze Zeit später nahm ich selbst die Rolle des Selbstmagement-Trainers und -Coaches ein.

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