Unwort des Jahres: postfaktisch

Warum die Unterscheidung faktisch/postfaktisch in die Irre führt.

Fakten folgen dem Glauben – nicht umgekehrt.

Der Glaube ist die Basis. Danach kommen die Fakten. Die Dienstanweisung der Polizei, über den Migrationshintergrund von mutmaßlichen Straftätern keine Angaben zu machen, solange dies nicht für die Strafverfolgung als sachdienlich zu werten ist, kann – je nach politischem Standpunkt (Glaube) – eine Maßnahme sein, um Angehörige von Minderheiten vor Vorverurteilung zu schützen oder aber auch als Beweis für eine gezielte Desinformation durch die Medien gewertet werden, damit das Volk nichts von „Umvolkungsplänen der Bundesregierung“ erfährt.

Wenn jemand glaubt, Hillary Clinton sei eine Reptiloidin, dann findet er auch Fakten, die das belegen. Irgendwo auf YouTube gibt es ein Interview mit einem Wissenschaftler der dies belegt. Ob wir diesem Wissenschaftler Glauben schenken oder nicht, hängt von unserem durch Glaube bestimmten Überzeugungen ab. Dass dieser Wissenschaftler möglicherweise aus einer Universität entlassen wurde – z.B. weil er den Holocaust leugnet – wird von Verschwörungstheoretikern dann nur als endgültiger Beweis für die Weltverschwörung (der Zionisten, Illuminaten, Rothschilds etc.) gewertet.

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„Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt“


(Humberto Maturana)

Fakten werden immer beobachterabhängig ausgewählt, Daten werden beobachterabhängig erhoben. Der Glaube und die Haltung eines Beobachter entscheidet über die Auswahl und der Tonfall in der daraus entwickelten Geschichte offenbart, wie der Mensch (Politiker, Journalist, Blogger, Wissenschaftler) ist. „Wir sehen die Welt nicht so wie sie ist, sondern so wie wir sind.“ (Anaïs Nin)

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Glaube braucht keine Fakten. Aber Fakten brauchen Glauben.

Die Unterscheidung verläuft nicht zwischen faktisch und postfaktisch, sondern daran woran wir glauben: Glauben wir an das Gute im Menschen und daran, dass der Mensch erkennt, dass wir alle nur gemeinsam auf unserem Planeten überleben und gut miteinander leben können? Oder glauben wir daran, dass Völker in Konkurrenz zueinander stehen, sich bekämpfen müssen – und jeder der etwas anderes erzählt, ist entweder dumm oder ein ganz perfider Heuchler?

Ich halte das zweite Menschenbild für menschheitsgefährdend, weil es die humanitären Anteile im Menschen nicht nur zu unterdrücken sucht, sondern verurteilt. Jeder, der Gutes tut, wird als „volksfeindlicher Gutmensch“ diffamiert. Jeder, der kein Feindbild hat, wird zum Feindbild erklärt.

Der Mensch ist human – alles andere ist Selbstzerstörung

Eine wichtige Unterscheidung ist die, dass ich nicht etwa Verschwörungstheoretiker zum Feindbild erkläre – das wäre im Endeffekt eine inhumanitäre Reaktion auf die Inhumanität. Nicht die Menschen sind das Problem, sondern dass sie den Glauben an den Menschen in sich selbst verloren haben – ein Ergebnis der schwarzen Pädagogik, die vom Glaubenssatz geprägt ist, der Mensch käme als Monster zur Welt (Stichwort „Erbsünde“) und müsse erst „zum Menschen“ domestiziert werden. Leider ist das Gegenteil der Fall: der Mensch kommt als Mensch zur Welt und wird durch die Sozialisation durch angsterfüllte Menschen mit Misstrauen gegenüber der Liebe zu einem Wesen, das „dem Anderen“ und sich selbst misstraut. Die Angst vor „dem Anderen“ ist keine originär menschliche Eigenschaft, sondern eine durch angstgeprägte Sozialisation gemachte Eigenschaft. Jeder, der Kinder hat erfährt dies.

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