Eine Wirtschaft für den Menschen

Nimmt die Mehrheit der Menschen unsere Wirtschaft so wahr, dass sie dem Wohl der Menschen verpflichtet ist? Eher nicht. „Wirtschaft“ – das sind in den Augen sehr vieler Menschen Investmentbanker und Top-Manager„-Bonzen, die den Hals nicht vollkriegen.“ Eine Wirtschaft, die in erster Linie uns Menschen dient, ist die Vision vom Unternehmergarten. Wie weit entfernt sind wir noch davon?

Bestandsaufnahme

  • Zunehmend prekär beschäftigte Arbeitnehmer und Freiberufler
  • Wenige hoch profitable exzellent positionierte Unternehmer
  • der weit verbreiteten Meinung zufolge, wird „die Wirtschaft“ vorrangig von Profitmaximierung geleitet – auf Kosten des Gemeinwohls.

Zu den exzellent positionierten hoch profitablen Unternehmern zählen auch so genannte „High Potentials“ mit Arbeitsvertrag: Top-Manager, Spezial-Fachkräfte wie Ingenieure oder Flugzeugpiloten. Das ist jedoch eine Minderheit. Welche Erkennungsmerkmale (Zielmarken) hätte denn eine „Wirtschaft für den Menschen“?

Zielmarken

  • Mehrheitlich profitable auf echte Problemlösungen spezialisierte Unternehmen
  • Produkte mit Übervorteilungsstrategie sind absolute Randerscheinung
  • Nachhaltigkeit in Produktion und Konsum
  • Großteil der Menschen ist Entrepreneur

Hinter dem ersten und dem dritten Punkt steckt ein Spannungsfeld: Menschen kaufen, was ihnen eine schnelle Linderung von Symptomen verspricht. Wir sind von Natur aus so „programmiert“. Verkaufs- und Marketingtaktiken stellen deshalb auf die Neigung der menschlichen Psyche ab, kurzfristigen Nutzen Langfristigem vorzuziehen. Nur in Ausnahmefällen schaltet sich ein reflektiertes Bewusstsein ein, das beides gegeneinander abwägt und sich ggf. für den nachhaltigen Nutzen entscheidet. Die engpasskonzentrierte Strategielehre verspricht, dieses Spannungsfeld durch die Vermittlung zwischen konstantem Grundbedürfnis der Zielgruppe (= wichtig) und deren brennendem Problem (= dringend) zu bearbeiten.

Bewusster Konsum bedingt, dass Nebenwirkungen (gesundheitliche, ökologische u.a.) ins Kalkül einbezogen werden. Transparenz in der Leistungserstellung vorausgesetzt, erzieht das Anbieter dahingehend, auf Übervorteilungsstrategien zu verzichten und „echte“ Problemlösungen zu liefern. Das wiederum steht der Strategie entgegen, Käufer gewissermaßen von sich abhängig zu machen, um künftige Umsätze zu sichern. Als Konsumenten sind wir auch in unserer Überflussgesellschaft durch das Marketing auf Mangelempfinden trainiert: Es ist nie genug. Es gibt immer noch mehr zu kaufen. Dieses oder jenes verspricht ein Ende unseres Leidens und führt letztlich doch nur zu einem neuen Verlangen. Mit dem Anspruch, (Konsum-)bedürfnisse „zu veredeln“ (Götz Werner) soll zumindest erreicht werden, dass die Menschen beim Erwerb von Low Involvement Produkten wie Zahnpasta, Zucker oder Make Up nicht nur auf den Preis, sondern auch auf ethisch-ökologische Nachhaltigkeit achten.

Der Trend zum Entrepreneurship ist auch in Deutschland angekommen. Entrepreneurship verspricht die Lösung gleich zweier Probleme:

  1. Fremdbestimmung in einer Festanstellung und damit verbundene Unzufriedenheit soll durch Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung im Unternehmersein ersetzt werden.
  2. Die Prekariatsfalle durch stagnierende Gehälter bzw. Honorare bei Freelancern und unzureichender Altersvorsorge soll aufgelöst werden durch das Kreieren von skalierbaren Produkten, die ein höheres (quasi-)passives Einkommen ermöglichen.

entrepreneurship

Entrepreneurship bedingt längerfristiges Denken und (verantwortungs-)bewusstes Investieren statt nur zu konsumieren. Zudem erfordert Entrepreneurship ein Reichtums-Bewusstsein, was gegenüber dem im unbewussten Konsumieren zugrundeliegenden Mangelbewusstsein eine höhere Evolutionsstufe darstellt.

Was müsste gegeben sein, damit die oben genannten Zielmarken dominierende Merkmale unserer Wirtschaft werden?

Voraussetzungen für die Zielmarken

  • Unternehmer wählen bewusst eine Positionierung, die auf langfristige Bedürfnisbefriedigung angelegt ist und die den Nachhaltigkeitsprinzipien* folgt
  • Menschen entscheiden sich mehrheitlich für langfristige Problemlösungen statt nur kurzfristiges Stillen von Verlangen
  • Entrepreneurs sind an einen echten Realmarkt angebunden – es werden keine künstlichen Hoffnungsblasen genährt.

Dem Ansatz der Grassroots-Entrepreneurship-Bewegung folgend, nähern sich Produzenten und Konsumenten wieder einander an. Das Geld fließt wieder mehr in lokal und dezentral erstellte Leistungen für nachhaltige Bedürfnisbefriedigung, anstatt für konzerngefertigte Konsumprodukte, die eher auf kurzfristige Bedarfsstillung und langfristige Abhängigkeit von neuem Verlangen abstellen.

Theoretisch ist es möglich, dass die Produkte der Entrepreneure einen ausreichend großen Markt finden und ein solides Einkommen für alle generieren. Tatsächlich verdient derzeit nur ein Bruchteil von ihnen gut. Skeptisch bin ich in dem Punkt, dass solange die Mehrzahl der modernen Entrepreneur-Produkte Bildungsangebote sind, deren Markt vor allem durch die Hoffnung der Kundschaft gebildet wird, recht bald selbst endlich profitabler Entrepreneur zu sein und dann die Bildungsinvestitionen wieder einzuspielen. Hier entstehen momentan noch zu viele Märkte mit Blasencharakteristik: Train the Trainer, Coach the Coach und Heile den Heilpraktiker.

Um Blasenphänomene nicht selbst zu nähren, gelten im Unternehmergarten folgende Regeln:

  1. Ich arbeite vorrangig für Kunden aus der Realwirtschaft, die also Produkte und Problemlösungen für primäre menschliche Bedürfnisse herstellen
  2. Wenn ich für Coaches, Trainer, Heilpraktiker o.ä. arbeite, dann müssen diese mehr als die Hälfte ihres Umsatzes in der Realwirtschaft (Siehe Punkt 1) erzielen.

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